Pinsel mit Tusche

Mit ›Migrationshintergrund‹ im Kindergarten - Interkulturelle Öffnung für die Jüngsten und ihre Familien

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Spräche man folgerichtig von Immigranten, statt von ›Menschen mit Migrationshintergrund‹, hätten die Menschen eine Chance, anzukommen und dazu zu gehören. Man hat diesen ›Hintergrund‹ auch, wenn es die Ur-Ur-Großeltern waren, die mal nach Deutschland eingewandert sind.  Das Etikett ›Migrationshintergrund‹ kann man niemals loswerden. Es grenzt die Einwanderer, ihre Kinder und Kindeskinder aus und markiert sie als ›nicht zugehörig‹.

In der Kita fühlt sich jeder zugehörig

Zugehörigkeitsgefühl ist die Grundlage für eine positive Entwicklung der uns anvertrauten Kinder und für eine wertschätzende Zusammenarbeit zwischen den Erwachsenen in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe. Damit sich alle zugehörig fühlen können, schaffen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kitas ein Klima, in dem sich jeder willkommen fühlt. Vor allem gilt es, herauszufinden und zu achten, wie die Einzelnen selbst gesehen werden wollen: als Berliner Türken, als Deutsche mit libanesischen Wurzeln, schlicht als Deutsche (auch wenn sie aus Polen oder Russland eingewandert sind)? Verstehen sie sich eher als Vietnamesen, als Afghanen oder Franzosen in Deutschland – oder als Einwanderer, die hier ihre neue Heimat gefunden haben? Wollen sie ihre Familiensprache(n) erhalten oder ist ihnen nur wichtig, dass ihre Kinder die deutsche Sprache beherrschen?

Dies können Erzieherinnen und Erzieher nur herausfinden, indem sie mit den Familien den Dialog aufnehmen. Vielfalt der Familien sichtbar machen Spuren der Familien in der Kita fördern das Zugehörigkeitsgefühl der Kinder: Fotos der Familienangehörigen helfen beim Eingewöhnen; Rituale aus der Familie geben Kindern Sicherheit für die Einschlafsituation; Nahrungsmittel von zu Hause lassen die Kinder gewohnte Geschmäcke und Düfte erleben; Lieder in ihrer Familiensprache beruhigen sie … Vielfalt stellt sich auch über eine Weltkarte dar, die zeigt, in welchen Ländern die Familien ihre Wurzeln haben: Manche Kita kann mehr als 20 Herkunftsländer benennen. Wenig hilfreich ist es, eine Familie mit türkischen Wurzeln und deutscher Staatsangehörigkeit ungefragt der türkischen Fahne zuzuordnen; das negiert ihre eigene Entscheidung über ihr Leben und ihre Zugehörigkeit.

Stellen Eltern der Kindergruppe das Land und dessen Kultur vor, aus dem sie selbst oder ihre Familie kamen, bitten Erzieher möglichst noch andere Eltern aus demselben Land, ihre Sicht der dortigen Kultur einzubringen. Denn ebenso wenig, wie Franken und Westfalen, wie Badener und Holsteiner sich gleich fühlen, steht eine Familie allein für die türkische, japanische oder ghanaische Kultur.

Allen Sprachen Raum geben Sprache ist Identität – sie gehört zum Menschen dazu, sie macht ihn aus. So werden alle Kinder unterstützt, ihre Familiensprache(n) gut zu erlernen und zu sprechen. Begrüßung und Verabschiedung werden in allen Familiensprachen geübt. Kinder und Erwachsene lernen Reime und Lieder und zählen im Morgenkreis alle Kinder in den Familiensprachen. Eltern lesen in ihrer Sprache vor und bringen Schlüsselbegriffe in Projekte ein. So erleben alle Kinder, dass jedes Ding mehr als einen Namen hat – eine wesentliche Botschaft, die die Neugier auf andere Sprachen weckt. 

Diese Neugier gilt es aufzugreifen und zu nutzen, um dem Ziel der EU näher zu kommen: Alle Bürger sollen zusätzlich zu ihrer Erstsprache zwei weitere Sprachen lernen. Kinder aus Immigrantenfamilien bringen dafür ein ›Pfund‹ ein, das meist als Problem, weniger als Vorteil beschrieben wird: Sie sprechen neben der Mehrheitssprache Deutsch mindestens noch eine weitere Sprache, ihre Familiensprache. In Berliner Kitas führt die Kategorie ›nichtdeutsche Herkunftssprache‹ zu einem minimalen Personalzuschlag – sofern die Eltern selbst sich und ihre Kinder so einordnen. Das tun jedoch keineswegs alle, weil sie sich keine Blöße geben wollen: Selbstverständlich sprechen sie Deutsch!

Manche Eltern lehnen sogar ab, dass ihre Sprache in der Kita Raum findet, einige sprechen sogar selbst diese Sprache nicht mehr zu Hause, weil sie doch vor allem Erfolg für ihre Kinder in Deutschland wollen. Ihre Sprache begreifen manche nicht mehr als Schatz, auf den es aufzubauen gilt, sondern als Stigma, das sie ablegen wollen. Mit ›Migrationshintergrund‹ im Kindergarten Ihre Sprache begreifen manche nicht mehr als Schatz, auf den es aufzubauen gilt, sondern als Stigma, das sie ablegen wollen.

Keine Frage: Die deutsche Sprache eröffnet allen, die in Deutschland leben, Möglichkeiten für schulischen und beruflichen Erfolg und für die Teilhabe im demokratischen Miteinander. Sprache lernt man am besten, wenn man mitreden darf und gehört wird, wenn einem ein Mitsprache- und Gestaltungsrecht zugestanden wird. Die Kita als Kinderstube der Demokratie macht allen Kindern Lust, Deutsch als die gemeinsame Sprache zu sprechen.

Annäherung der Kulturen Immer wieder prallen in der Kita unterschiedliche Kulturen aufeinander. Doch während Erzieherinnen noch vor zehn Jahren durch die Forderung nach Badebekleidung beim Planschen auch der Allerjüngsten eher ihre eigene Emanzipation gefährdet sahen, gehen sie heute gelassen mit solchen Ansprüchen von Eltern um. Heute führt eher der endlich steigende Anteil männlicher Erzieher zu Diskussionen: Es sind jedoch keineswegs allein die muslimischen Eltern, die Berührungsängste haben, auch andere sorgen sich, dass ihre Kinder keine Distanz zu fremden Männern lernen.

Dürfen muslimische Mädchen beim Malen oder bei Wasserexperimenten ihre Ärmel hochkrempeln? Dürfen Kinder von Zeugen Jehovas zu Ostern Eier anmalen? Erzieherinnen und Erzieher sind gefordert, den Austausch mit den Eltern zu suchen, ihre Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und mit Sensibilität zu Lösungen zu kommen, die den Kindern die Teilhabe und den Eltern das notwendige Vertrauen ermöglichen. Dafür ist es notwendig, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und die Grenzen der Anderen auszuloten. Erst dann können neue Wege entwickelt werden.

(Regine Schallenberg-Diekmann Pädagogische Geschäftsführerin von INA.KINDER.GARTEN gGmbH)