Pinsel mit Tusche

Ohne geht’s nicht mehr - Das Bildungsprogramm als Grundlage für die pädagogische Arbeit in den Kindertagesstätten

Gerade in den ersten Lebensjahren sind  Kinder besonders wissbegierig und lernfähig. Sie sind in dieser Zeit für alles Neue besonders offen und aufnahmefähig.

Und Kinder haben ein Recht auf Bildung!
Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz beinhaltet auch einen Anspruch auf Bildung des Kindes. Die komplexen Lern- und Bildungsprozesse in der frühen Kindheit erhalten zunehmend einen eigenen Stellenwert in unserer Gesellschaft.

Erstmalig werden Kitas als Bildungsort anerkannt

Zwar wurde der Bildungsauftrag bereits Anfang der 90er Jahre im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) eingeführt. Doch es hat lange gedauert, bis  flächendeckend Kitas als Bildungsorte anerkannt wurden. Der sich ableitende Anspruch des Kindes auf Bildung spiegelt sich heute in verschiedenen Gesetzen sowie in den Bildungsplänen und –programmen der einzelnen Bundesländer wieder. In Berlin arbeiten die Kitas seit 2004 nach dem Berliner Bildungsprogramms (BBP). Im Jahr 2006 wurde schließlich das Kita-Gesetz novelliert und die Träger haben eine höchst anspruchsvolle Qualitätsvereinbarung unterzeichnet. Sie haben sich damit verpflichtet, die Qualität der Arbeit verbindlich zu steigern. Dazu gehören u. a. die Überarbeitung der pädagogischen Konzeption nach den Grundlagen des BBP,  die interne Evaluation und schließlich die externe Evaluation. Auch eine verbindliche Kooperation mit den Grundschulen, damit der Übergang der Kinder gelingt, eine kontinuierliche Fortbildungsplanung für die Erzieherinnen, die vorhandene Lücken schließt sowie die verbindliche Arbeit mit dem Sprachlerntagebuch, gehören zu den Inhalten der Qualitätsvereinbarung.

All dies soll auf der Grundlage der pädagogischen Ziele des BPP geschehen, welches in Berlin Bildungsziele beschreibt, eine Orientierung  und Anregungen für die Arbeit gibt, ohne „abhakbare“ Vorgaben zu machen. Das BBP basiert auf neueren Ansätzen der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik und es beschreibt ein differenziertes und komplexes Bildungsverständnis. Erstmalig gibt es damit einen Rahmen für die pädagogische Arbeit, der Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen anerkennt.

Alle Kinder sind gleich – jedes Kind ist anders!

Der Bildungsauftrag der Kitas muss aufgreifen und fördern, was das einzelne Kind mitbringt und es muss dem Kind auf dieser Grundlage auch darüber hinaus Angebote bereitstellen. Dies ist zugleich eine der größten Herausforderungen für die Erzieherinnen: Die Kinder in ihrer Individualität zu sehen und ebenso individuell zu fördern. Kita ist ein Ort für alle Kinder, auch Kinder mit besonderem Förderbedarf sind qualifiziert zu begleiten.

Gute, gelingende Pädagogik ist eine Mischung aus vielen Faktoren. Zuallererst einmal haben sich die Rolle der Erzieherin und das Bild vom Kind grundlegend in den letzten Jahren verändert. Die Erkenntnis, das das Kind ein  Selbstbildungspotenzial hat, „sich die Welt aneignen“ will, sich ein Bild von sich und anderen macht, wie es im Bildungsprogramm beschrieben ist, bildet die Grundlage für eine neue, eine andere Herangehensweise der Erzieherin. Sie muss die Kinder hierin unterstützen, ihnen den Rahmen schaffen und Sicherheit geben. Durch genaue Beobachtung erkennt die Erzieherin Stärken und Schwächen, weiß, welche Interessen das Kind zur Zeit  hat und setzt genau da mit ihrer Förderung an. Sie wird eine anregende Lernumgebung schaffen. Und sie sorgt für eine wertschätzende und respektvolle Haltung untereinander. Schließlich ist sie auch für die Atmosphäre mit verantwortlich, in der die Kinder sich wohlfühlen und wachsen können.

Bildung macht den Kindern Spaß!

Sie lernen, ohne es zu merken. Dafür bietet die Ganzheitlichkeit der Institution Kindertagesstätte ideale Voraussetzungen. Ob in speziellen Projekten, beim Toben im Garten, beim Mittagessen oder im konzentrierten Spiel mit anderen Kindern oder alleine – ein Kind saugt Anregungen und Erkenntnisse gewissermaßen auf – es kann gar nicht anders!

Eltern tatsächlich als Erziehungspartner sehen

Auch das ist eine Erkenntnis der vergangenen Jahre. Sie ist für viele noch ungewohnt. Langsam setzt sich aber das Bewusstsein bei den Erzieherinnen durch, dass eine gute Förderung der Kinder nur in Zusammenarbeit mit den Eltern des Kindes gelingen kann. Dazu gehört Vertrauen und Wertschätzung. Dazu gehört aber ebenso, die Eltern auch in ihren „Unzulänglichkeiten“ zu akzeptieren und darauf die eigene Arbeit mit dem Kind aufzubauen, also im besten Sinne ein familienergänzendes Angebot zu schaffen.

Die Transparenz der pädagogischen Arbeit bildet hierzu ein wichtiges Fundament, sei es durch die Möglichkeit der oft unterschätzten „Tür- und Angel-Gespräche“, durch die regelmäßig stattfindenden Entwicklungsgespräche mit den Eltern oder durch aktualisierte Aushänge und Elternbriefe.

So wird die Kita auch als Ort der Familienbildung zunehmend wichtiger. Eltern brauchen teilweise oder zeitweise Hilfe in der Erziehung, bei Behördengängen, in schwierigen familiären Phasen. Hier können die Mitarbeiter der Kita Ansprechpartner sein und im Sinne einer Lotsenfunktion den Eltern Unterstützung bei den nächsten notwendigen Schritten geben. Die Eltern kennen die Erzieherinnen, es ist Vertrauen entstanden und man sieht sich täglich. Immer mehr Kita-Träger erkennen diese Chance und streben den Ausbau zum Familienzentrum oder die Angliederung der Kita an ein Familienzentrum an.

Bildungsbereiche

Auch die Bildungsbereiche des BBP sind anspruchsvoll. Mathematische Grunderfahrungen gehören ebenso dazu wie die Musik, das bildnerisches Gestalten, das soziale und kulturelle Lernen, naturwissenschaftliche und technische Erfahrungen. Einige dieser Bildungsbereiche sind den Erzieherinnen vertraut und beeinflussen ihre praktische Arbeit in unterschiedlicher Intensität seit vielen Jahren. Andere verursachten zunächst Berührungsängste und Erziehrinnen mussten sich durch entsprechende Fortbildungen weiterbilden.
Gesunde Ernährung und Bewegungsförderung gehören ganz alltäglich zu den Standards der Kita. Dies wird umso wichtiger in einer Zeit, in der Kinder immer stärker von Übergewicht und schlechter Ernährung bedroht sind  und die Armut in den Familien stark zunimmt.

Die Sprachförderung hat im Bildungsprogramm eine große Bedeutung. Ihr ist nicht nur ein eigener Bildungsbereich gewidmet, sondern sie zieht sich als durchgängiges Bildungsprinzip auch durch die anderen Bildungsbereiche. So wird die Sprache z. B. im Morgenkreis gefördert (Kommunikation und soziales Lernen), in der Bewegungsförderung,  beim rhythmischen Klatschen und Singen (Musik), in der Arbeit an besonderen Projekten und Ausflügen (kulturelle Umwelt).

Bei den im BBP beschriebenen Methoden der pädagogischen Arbeit nimmt eine zentrale Rolle die Beobachtung und Dokumentation ein. Verbindliche und regelmäßige Beobachtung gehört inzwischen fast durchgängig zur Arbeit in den Berliner Kitas. Die Erkenntnisse aus der Beobachtung und aus den Gesprächen mit den Eltern fließen in die Förderplanung für das jeweilige Kind ein und sind nicht zuletzt auch die Grundlage für die Entwicklungsgespräche mit den Eltern. Beobachtungen werden auch für die Erstellung sogenannter Bildungsbücher genutzt, die die Kinder später beim Abschied aus der Kita erhalten und die eine schöne Erinnerung an ihre Bildungsjahre in der Kita sind. Inzwischen kann man die über Jahre geführten Bildungsbücher betrachten und es wird einem ganz warm ums Herz angesichts der Fachlichkeit der Dokumentation und der darin sich ausdrückenden Zuneigung zum Kind!

Wir wissen heute: Die ersten Jahre sind gekennzeichnet durch eine Vielzahl verschiedener Aspekte der kindlicher Bildungsprozesse. Wenn kleine Kinder die Kita besuchen, sind die Erzieherinnen der Kindertagesstätten eine verlässliche, kompetente und wichtige  Begleitung in diesen Jahren.  Die intensiven Bemühungen des pädagogischen Fachpersonals, den Anschluss an die enormen Qualitätsanforderungen der letzten Jahre zu schaffen,  sind gerade vor dem Hintergrund der beschriebenen grundlegenden Strukturveränderungen in der KitaLandschaft Berlins besonders anerkennenswert.

(Claudia Gaudszun – Kitareferentin des Paritätischen Berlin)