Pinsel mit Tusche

Vom Spracherwerb im Alltag - Reden ist Silber, Schweigen grenzt aus

Der Erwerb der Muttersprache scheint Kindern nahezu mühelos zu gelingen. Was für ein Ereignis, wenn das oder die ersten Worte gesprochen werden. Welche Wertschätzung erfährt das Kind?!

Doch der Prozess des Spracherwerbs beginnt schon deutlich früher, (spätestens) mit der Geburt des Kindes. Ohne die inhaltlichen Botschaften der Sprache selbst verstehen zu können, lernt es die spezifischen Klänge und Melodien zu differenzieren, Grundstimmungen und die wichtigsten Bezugspersonen auch am Sprachklang zu erkennen. Die sprachliche Begleitung der Handlungen durch den Erwachsenen ist eine wesentliche Voraussetzung für den zunächst passiven, darauf aufbauend für den aktiven Spracherwerb des Kindes. Neben der emotionalen Stimmung die durch das Gesprochene vermittelt wird, lernt es einzelne Begriffe bestimmten Personen, Gegenständen oder Handlungen zuzuordnen (Mama, Papa, Auto). Kinder ihrerseits signalisieren vor der aktiven Nutzung der Sprache ihre Bedürfnisse durch Lautäußerungen bzw. nonverbale Gesten. Der vertraute und aufmerksame Zuhörer weiß nach einiger Zeit recht genau zu differenzieren, was mit ähnlich klingenden Lauten gemeint ist.

Mühsamer ist es da schon, wenn in der Schule die erste Fremdsprache  erlernt werden soll. Unterrichtsstundenweise werden Vokabeln und grammatikalische Satzbauregeln vermittelt. Der aktive sprachliche Gebrauch steht nicht unbedingt an erster Stelle. Erstaunliche Fortschritte machen Schüler, wenn sie das Glück haben, für mehrere Monate in das Land Reisen zu können, dessen Sprache sie erlernen möchten. Der alltägliche Umgang mit der Landessprache führt zu raschen Lernerfolgen.

Die unterschiedlichen Lernwege - strukturiertes Schullernen versus alltagsgebundenes Lernen - unterscheiden sich u. a. dadurch, dass ersterer den Spracherwerb selbst als Ziel definiert, während der Zweite ein Mittel zur Zielerreichung darstellt, dem sich Verständigen können/wollen. Das scheint für den Erfolg beim Spracherwerb von großer, gar grundlegender Bedeutung zu sein.

Diese Überlegungen fließen in die sprachliche Förderung der Kinder in der Kita ein. Die Erzieherinnen der Jüngsten (ab ca. 8 Wochen) begleiten sprachlich alle Handlungen an bzw. mit dem Kind. Ob in der 1:1 Situation beim Wickeln, in der Essenssituation oder im Spiel. Durch die Beschreibung von Handlungen, Gegenständen in einfachen, jedoch nicht verniedlichenden Sätzen, erhält das Kind täglich sprachliche Muster von der ihm vertrauten Erzieherin. Beginnt das Kind selbst aktiv seine sprachlichen Möglichkeiten einzusetzen, so achtet die Erzieherin darauf, dass die sprachlichen Kontaktbemühungen nicht ins Leere verlaufen. Ob in der täglichen Kommunikation miteinander, dem Vorlesen von Geschichten, dem sprachlichen Begleiten von Handlungen der Erzieherin bzw. des Kindes, wird der alltägliche, handlungsbegleitende Lernprozess gefördert. Größere Kinder werden mit dem Wachsen der eigenen Sprachkompetenz durch das Erlernen von Liedern, dem Erzählen von Erlebnissen, dem Theaterspiel und der sich deutlich erweiternden Kommunikation miteinander, ihre sprachliche Kompetenz festigen.

Höchste Priorität nimmt jedoch die kontinuierliche sprachliche Förderung im häuslichen Bereich ein. Der Intensitätsgrad der täglichen Kommunikation mit den wichtigsten Bezugspersonen spiegelt sich im Sprachvermögen der Kinder wieder. Sprechen Mutter/Vater handlungsbegleitend mit ihrem Baby, Kleinkind, so verfügen schon 2-jährige Kinder über ein beachtliches Sprachvermögen. Wenn jedoch die tägliche Interaktion mit den Eltern und älteren Geschwistern auf ein Minimum beschränkt ist, die Gesprächspartner selbst ein lückenhaftes und oder fehlerhaftes Deutsch sprechen, die Zeit vor dem Fernseher einem Vielfachen der Zeit mit aktiven Gesprächen überwiegt oder eine andere Muttersprache gesprochen wird und Deutsch als Zweitsprache zusätzlich erworben werden muss, dann ist der ausreichende Spracherwerb im Deutschen erheblich erschwert. Untersuchungen belegen, dass durchschnittlich ¼ aller Kinder im Alter von 4-5 Jahren, Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache sogar über 50%(!), deutliche Probleme in ihrer Sprachentwicklung aufweisen.

Insofern unterstützt ein frühzeitiger Kitabesuch die Sprachkompetenz des Kindes, weil neben der Kommunikation mit den engsten Bezugspersonen hier eine bewusste sprachliche Begleitung über den gesamten Kitatag erfolgt.

Kinder, deren sprachliche Entwicklung deutliche Auffälligkeiten aufweisen, erfahren darüber hinaus eine gezielte Förderung. Hier verknüpfen wir bewusste kommunikative Übungen in kleinen Gruppen mit den im Tagesablauf gegebenen Situationen. Diese Übungen in Kleingruppen dienen als quasi Initialzündung für das eigene Sprachverhalten. Ein dem Alter des Kindes nicht entsprechender Wortschatz, Unsicherheiten beim Sprechen, führen häufig dazu, dass diese Kinder zurückhaltender, gehemmter in kommunikativen Situationen agieren, somit alltägliche Übungssituationen eher weniger genutzt werden. Die positiven Erfahrungen, Erfolge in den Kleingruppenübungen stärken das Selbstbewusstsein und die Artikulationsfähigkeiten, so dass die Kinder nach diesen Übungen sich aktiver in den Alltagssituationen einbringen.

Daher gestaltet sich nach unserer Sichtweise eine erfolgreiche Sprachentwicklung, wie folgt:

Die wichtigste Grundlage liefern die engen Bezugspersonen sprich Eltern des Kindes. Wenn diese mit dem ersten Lebenstag des Kindes beginnend in allen Kontaktsituationen mit dem Kind reden, gestalten sie die beste Grundlage für eine erfolgreiche Sprachentwicklung des Kindes. An zweiter Stelle tritt die Kita in Aktion. In der täglichen Betreuungszeit bietet sie vom Morgenkreis, den Essenssituationen wie im Spiel oder bei mannigfachen gemeinsamen Unternehmungen vom Experiment bis zum Ausflug eine Vielzahl bewusst angeregter Kommunikationssituationen, in denen jedes Kind seine sprachlichen Fähigkeiten weiter entwickeln kann. Und für diejenigen, die darüber hinaus eine sprachliche Förderung benötigen, greifen wissenschaftlich fundierte Fördermaßnahmen, um gezielt in kleinen Gruppen zusätzliche Hilfen anzubieten. Letztendlich mit dem Ziel, die Kommunikationsfähigkeit und –bereitschaft zu fördern.

(Wolfgang Freier, Geschäftsführer von BOOT e.V.)